Schwedische Spuren im Kohlerevier

Ein Anfang mit viel Hoffnung, Investitionen, satte Gewinne und am Ende ein schneller Abschied. 15 Jahre lang gehörte die Lausitzer Braunkohlewirtschaft dem schwedischen Energiekonzern Vattenfall. Das ist jetzt Geschichte.

Cottbus. Es wird noch ein paar Tage dauern, bis die Veränderung sichtbar wird. Ein neues Logo, ein neuer Name für die Kraftwerke und Tagebaue der Region. Juristisch gehören sie jedoch seit gestern bereits dem tschechischen Energie-Konzern EPH und der Investmentgruppe PPF. Der Verkauf von fünf Tagebauen und drei Braunkohle-Kraftwerken in der Lausitz durch Vattenfall ist damit perfekt.

Rüdiger Siebers, Betriebsratschef der Tagebaue, erinnert sich noch an die Aufbruchstimmung, als Vattenfall 2001 in die Lausitzer Braunkohlewirtschaft einstieg: „Wir haben uns sogar für Vattenfall als Käufer eingesetzt, weil das ein staatlicher Konzern war.“ Jetzt gebe es wieder Hoffnung in der Belegschaft: „Der neue Eigentümer weiß, was er kauft und unter welchen Bedingungen.“ 

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Rüdiger Siebers (60), Gesamtbetriebsratschef Vattenfall Mining:

1999-2001: 

Der schwedische Staatskonzern Vattenfall geht auf europäische Einkaufstour. In Hamburg erwirbt er schrittweise die Hamburger Elektrizitätswerke (HEW).

 

Rüdiger Siebers
Dr. Wolfgang Krüger, Hauptgeschäftsführer IHK Cottbus

Vattenfall hat als Eigentümer des noch immer strukturbestimmenden Wirtschaftszweiges der Region eine wichtige Rolle gespielt. Wolfgang Krüger, Hauptgeschäftsführer der IHK Cottbus, blickt deshalb positiv auf die Vattenfall-Zeit zurück. Unter schwedischer Leitung sei das Unternehmen, „ein ganz wichtiger und fairer Auftraggeber für Zulieferer und Dienstleister und ein verantwortungsvoller Arbeitgeber“ gewesen. Vattenfall habe viele soziale und gesellschaftliche Projekte erst ermöglicht und sich in der Forschung stark engagiert. „Dass sich der politisch motivierte Verkauf so lange hinzog, war für die mitten im Strukturwandel stehende Lausitz nicht gerade förderlich“, übt Krüger jedoch auch etwas Kritik.

Mai 2001

Die HEW, inzwischen vollständig in Vattenfallbesitz, kauft die Veag und die Laubag für 1,5 Milliarden Euro (damals 2,9 Milliarden DM) von RWE und Eon Energie. Die Veag umfasste die gesamten ostdeutschen Kraftwerke und das Übertragungsstromnetz, die „Stromautobahnen“. Die Laubag brachte die aktiven Lausitzer Tagebaue in den Vattenfall-Konzern ein.

 

Trotz zum Teil gegensätzlicher Interessen, wenn es zum Beispiel um Umsiedlungen ging, sei Vattenfall unter schwedischer Führung ein „Fairer und seriöser Partner“ gewesen, erkennt Bernhard Ziesch, Geschäftsführer der Sorbendachorganisation „Domowina“ an: „Alle Vereinbarungen wurden eingehalten.“ Die Domowina hoffe, einen seit Jahren mit Vattenfall bestehenden Kooperationsvertrag auch mit den neuen Eigentümern fortsetzen zu können.

Kein gutes Abschlusszeugnis stellt hingegen René Schuster von der Grünen Liga dem schwedischen Energiekonzern aus: „Ob Horno zwangsumgesiedelt, die Teiche von Lacoma und Pücklers Jagdpark bei Weißwasser zerstört oder neue Tagebaue geplant wurden, hier war ein skrupelloser Konzern am Werk.“ Schweden als klimaschutzbewusster Eigentümer sei eine Chance gewesen, die komplett vertan wurde. Und Sponsoring und Steuern wegen hoher Gewinne seien jetzt Geschichte, mit oder ohne Verkauf.

 

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Verwaltungsgebäude Vattenfall
2003 beginnt Vattenfall mit dem Bau des neuen Verwaltungsgebäudes in Cottbus. Der Turm ist seitdem deutlich sichtbar im Stadtbild.
Tagebaubagger
2003 beginnt die Umsiedlung von Horno, das dem Tagebau Jänschwalde weichen muss. Der Protest dagegen bestimmt monatelang die Schlagzeilen. Hier zu sehen: Das Schaufelrad des Vorschnittbaggers dreht sich am 20. Oktober 2005 im Tagebau Jänschwalde in nur wenig mehr als 50 Meter entfernt vom Haus der Familie Domain, die als letzte in dem ehemaligen Ort wohnte.
Grundsteinlegung neuer Block Kraftwerk Boxberg
Vor dem Kraftwerk Boxberg legt am 12. April 2007 der sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU, M) den Grundstein für den neuen Kraftwerksblock. Dieser ging 2012 ans Netz.
Pilotvorhaben zur CO2-Abtrennung
Seit 2008 versucht Vattenfall, einer klimafreundlichen Kohleverstromung zu forschen. 2008 wird in Schwarze Pumpe eine Pilotanlage zur CO2-Aufbereitung gebaut, 2014 wird sie wieder abgebaut.
5.000 Tonnen im Schritttempo zum neuen Arbeitsplatz
2010 geht der ruhende Tagebau Reichwalde wieder in den betrieb. Tagebaugroßgeräte müssen dafür ihren Arbeitsplatz von der Innenkippe des Tagebaus Nochten nach Reichwalde wechseln
Greenpeace-Aktivisten stoppen Bagger im Tagebau Jänschwalde
Begleitet waren die Vattenfalljahre in der Lausitz auch stets von Protesten, wie hier 2008 in Jänschwalde.
Vor allem Dörfer, die den Tagebauplänen im Weg stehen setzen sich zur Wehr
Vor allem Dörfer, die den weiteren Tagebauplänen im Weg stehen, wie Atterwasch, Kerkwitz und Grabko setzen sich zur Wehr.
Sommerrodelbahn entsteht in Neuendorf
Vattenfall hat in den Jahren in der Lausitz aber auch viel in die Region investiert. Gemeinden wie Teichland profitieren von den Steuereinnahmen. Es entstehen Projekte wie die Sommerrodelbahn und vieles mehr.
FC Energie Cottbus
Auch im Sport hat sich Vattenfall engagiert, wie hier 2005 bei der Verlängerung des Sponsor-Vertrags mit Energie Cottbus. Darauf stießen Trainer Claus-Dieter Wollitz (l.), Vattenfall-Chef Reinhardt Hassa und Präsident Ulrich Lepsch (r.) an.
Sprengung Förderbrücke in Cottbus
Die Hinterlassenschaften des Tagebaus werden die Lausitz weiter prägen. Im Ende 2015 ausgebaggerten Tagebau Cottbus-Nord soll etwa ein neuer Ostsee entstehen. Die Abraumförderbrücke im stillgelegten Tagebau wurde im April 2016 gesprengt.

April 2003

Die Umsiedlung von Horno beginnt. Weihnachten wird die Kirche am neuen Standort geweiht. Drei Monate später beginnt der Abriss des alten Dorfes. Jahrelang hatte sich das Dorf, wie kaum ein anderer Ort mit allen juristischen Mitteln gegen den Bergbau gewehrt.

 

2004

Ohne großen Protest erfolgt die Umsiedlung des Industriedorfes Haidemühl. 580 von 640 Einwohnern ziehen gemeinsam in den Spremberger Ortsteil Sellessen.

Juni 2004: Ein Hornoer Ehepaar, das die Umsiedlung verweigert, wird enteignet. Sie klagen dagegen. Im November 2005 schließen einen Vergleich mit Vattenfall und ziehen in ein Haus in einem nahegelegenen Ort, das sie schon Jahre vorher gekauft hatten.

 

Unter den schwedischen Eigentümern ging es nach der Jahrtausendwende mit der Lausitzer Braunkohle zunächst voran. Es wurde nicht nur in Erhaltung und Modernisierung investiert, im sächsischen Boxberg entstand ein neuer Kraftwerksblock mit 675 Megawatt (MW) Leistung. 2010 wurde in dem seit Jahren ruhenden Tagebau Reichwalde die Kohleförderung wieder angefahren.

Ohne betriebsbedingte Kündigungen wurde die Belegschaft verjüngt und auf rund 8000 Mitarbeiter reduziert, eine inzwischen seit etwa zehn Jahren stabile Zahl. Seit Januar 2007 galt für alle Mitarbeiter ein bundesweit einheitlicher Konzerntarifvertrag ohne Ost-West-Unterschiede. Das Unternehmen zahlt bis heute die höchsten Industrielöhne in der Region.

Die Kohleförderung wurde unter den schwedischen Eigentümern bei rund 60 Millionen Tonnen pro Jahr im Lausitzer Revier gehalten. Und Vattenfall machte mit der Braunkohle gute Geschäfte. Von den 1,5 Milliarden Euro Kaufpreis holt sich der Konzern fast ein Drittel 2010 durch den Verkauf der ostdeutschen Übertragungsnetze zurück.

Juli 2006

Verhandlungen über die Umsiedlung von 78 Familien in Ortsteilen von Schleife und Trebendorf für den Tagebau Nochten beginnen.

 

Rund 7 Milliarden Euro Gewinn wurden im Laufe der Jahre aus der Lausitz nach Stockholm überwiesen.

Rund sieben Milliarden Euro Gewinn wurden im Laufe der Jahre aus der Lausitz nach Stockholm überwiesen. Geld, das der schwedische Konzern gut gebrauchen konnte, der sich mit dem Kauf holländischer Gaskraftwerke verzockt hatte.

Doch für die umweltbewussten Schweden war der hohe Ausstoß von klimaschädlichem Kohlendioxid (CO2) bei der Braunkohleverstromung bald ein Thema. Schon 2004 beschäftigte sich der Konzern in einer Machbarkeitsstudie mit der CCS-Technologie. Damit sollte das CO2 aus dem Kraftwerksabgas abgetrennt und in tiefen Gesteinsschichten eingelagert werden.

Zwei Jahre später begann der Bau einer CCS-Pilotanlage in Schwarze Pumpe, Pläne für ein Demonstrationskraftwerk in Jänschwalde wurden entwickelt. Doch zum Bau des Demo-Kraftwerkes kam es nicht. Es gab massive Proteste gegen die unterirdische Gasspeicherung. Über ein dafür nötiges Gesetz stritten die Bundesländer über Jahre.

Das Scheitern der CCS-Pläne war vermutlich ein wichtiger Wendepunkt für den schwedischen Energiekonzern, der sich immer ehrgeizigere Klimaschutzziele setzte. Dazu kam durch den raschen Zuwachs der erneuerbaren Energie der Verfall des Strompreises. Die Gewinne schmolzen. Wurden in der Grundlast 2008 bis zu 80 Euro pro Megawattstunde (MWh) erzielt, waren es Ende 2015 weniger als 30 Euro.

2007

Grundsteinlegung für neuen Kraftwerksblock in Boxberg.

Juli 2007: Der Energiekonzern Vattenfall Europe Mining & Generation hat die Planungsunterlagen für das neue Tagebaufeld Welzow II beim Brandenburger Infrastrukturministerium eingereicht. Ab 2025 soll südwestlich von Welzow Kohle gefördert werden. 1200 Menschen droht die Umsiedlung.

2007 wird erstmals ein Kooperationsvertrag zwischen Vattenfall und der Sorben-Dachorganisation Domowina unterzeichnet. Über diesen Vertrag, der alle drei Jahr verlängert wird, fließen erhebliche Mittel von Vattenfall in die Förderung der sorbischen Sprache und Kultur. Über die Höhe bewahren beide Seiten Sillschweigen.

Pilotvorhaben zur CO2-Abtrennung

April 2008

In Schwarze Pumpe nimmt Vattenfall eine Pilotanlage zur Abscheidung von klimaschädlichem Kohlendioxid aus den Kraftwerksabgasen in Betrieb. Die CCS (Carbon Capture and Storage)-Technologie soll Braunkohlestrom umweltfreundlicher machen. Nach erfolgreicher Erprobung, soll ein Demokraftwerk zur großtechnisch en Anwendung gebaut werden.

2010

Mai 2010: Vattenfall verkauft das unter dem Namen 50Hertz ausgegliederte Übertragungsstromnetz für 465 Millionen Euro an einen belgischen Netzbetreiber und einen australischen Industriefonds.

2010: Der seit 1999 ruhende Tagebau Reuchwalde geht wieder in Betrieb.

Dezember 2011

Vattenfall beendet seine Pläne zum Bau eines 1,5 Milliarden Euro teuren CCS-Demo-Kraftwerkes in Jänschwalde. Die Zusage für 180 Millionen Euro EU-Fördergeld für die Anlage wird nach Brüssel zurückgeschickt. Anlass der Entscheidung ist das Fehlen eines Bundesgesetzes, das die unterirdische Speicherung von CO2 regelt. Seit Sommer 2008 war ein Gesetzentwurf zwischen Bund und Ländern immer wieder neu verhandelt worden. Das ein halbes Jahr später verabschiedete Gesetz legt es in die Hand der Länder, die Lagerung zu genehmigen, oder zu untersagen.

2012

Oktober 2012: Neuer Kraftwerksblock R in Boxberg liefert Strom.

Dezember 2012: Vattenfall verkündet das beste Jahresergebnis bei der Stromerzeugung (55 Milliarden Kilowattstunden) und Kohleförderung (62 Millionen Tonnen) seit 20 Jahren im Lausitzer Revier.

2013

März 2013: Vattenfall bringt den Verkauf seiner 50 Prozent Anteile an dem neuen Braunkohlenkraftwerk Lippendorf bei Leipzig ins Gespräch. Ein Käufer findet  sich jedoch nicht..

Juli 2013: Die Konzernspitze von Vattenfall kündigt einen Umbau der Unternehmensstruktur an. Erstmals werden vage Verkauftsabsichten für die Lausitzer Tagebaue und Kraftwerke bekannt. Im März 2013 hatte ein Unternehmenssprecher das noch heftig dementiert.

Anfang 2013 kamen erste Gerüchte auf, dass Vattenfall die Lausitzer Braunkohle loswerden will, was jedoch noch dementiert wurde. Im Juli 2013 wurde ein Verkauf erstmals vage angedeutet und ein halbes Jahr später Konsequenzen gezogen.

Unterschriftsreife Verträge zwischen den Gemeinden Trebendorf und Schleife für die Umsiedlung von 1700 Menschen für das Erweiterungsfeld Nochten-II werden auf Eis gelegt. Auch Gespräche zum Erweiterungstagebau Welzow-Süd II werden gestoppt. Der neue Eigentümer soll entscheiden, ob die Felder noch angefasst werden.

2014

April 2014 : Vattenfall legt die CCS-Pilotanlage in Schwarze Pumpe still. Das damit erworbene Wissen wird nach Kanada verkauft.

Juni 2014: Das Brandenburger Kabinettbeschließt per Rechtsverordnung den Braunkohlenplan für die Erweiterung des Tagebaus Welzow-Süd. Drei Monate vorher wurde durch das sächsische Innenministerium der Braunkohlenplan für die Erweiterung des Tagebaus Nochten bestätigt.

Oktober 2014. Vattenfall-Chef Magnus Hall wird vom Verwaltungsrat des schwedischen Staatskonzerns beauftragt, einen Käufer für das Lausitzer Braunkohlegeschäft zu finden. Grund: Der Konzern will seinen Co2-Aussstoß drastisch verringern. Die Braunkohleförderung und Verstromung in der Lausitz haben sich in den vergangenen dreizehn Jahren für Vattenfall als lukratives Geschäft erwiesen. Sieben Milliarden Euro Gewinn wurden nach RUNDSCHAU-Recherchen aus der Lausitz nach Stockholm überwiesen.

Dezember 2014: Vattenfall stoppt die Vorbereitung der Umsiedlung von rund 1700 Menschen im Erweiterungsfeld Nochten II. Veträge mit den Gemeinden Trebendorf und Schleife werden nur noch paraphiert aber nicht unterzeichnet.

2015

April 2015. Vattenfall ordnet seine Konzernstruktur neu. Die Braunkohlesparte wird in Vorbereitung des Verkaufes ein selbständiger Geschätsbereich.

August 2015: Ein Schaufelradbagger macht sich auf den Weg vom Tagebau Nochten zum Tagebau Reichwalde. Es ist der letzte Überlandtransport eines Tagebaugroßgerätes in der Region.

September/Oktober 2015. Vattenfall startet über eine damit beauftragte Bank den Verkaufsprozess. Drei Interessenten melden sich zeitnah: Die beiden tschechischen Energiekonzerne CZE und EPH, sowie Greenpeace Nordic.

Oktober 2015: Vattenfall einigt sich mit dem Bundeswirtschaftsministerium, dass zwei Blöcke in Jänschwalde in eine bundesweite Kraftwerksreserve gehen. Das bedeutet, dass 1000 Megawatt Kapazität in der Lausitz bis 2023 stillgelegt werden.

Nach dem wurde ab September 2015 offiziell gesucht. Neben EPH/PPF bewarb sich zunächst auch der mehrheitlich staatliche tschechische Energiekonzern CZE. Der westdeutsche Steinkohlekonzern Steag unterbreitete die Idee, die Tagebaue und Kraftwerke in der Lausitz in eine privatrechtliche Stiftung zu überführen und selbst die Betriebsführung zu übernehmen. Auch Greenpeace wollte eine Stiftung gründen, um die Lausitzer Braunkohlewirtschaft zügig abzuwickeln.

EPH/PPF geben zum Schluss als Einzige ein Kaufangebot ab und erhalten den Zuschlag. Sie übernehmen alle Rekultivierungs- und Pensionsverpflichtungen, dürfen drei Jahre lang keine Dividende ausschütten oder Rückstellungen auflösen, und bis Ende 2020 keine betriebsbedingten Kündigungen aussprechen. Zum Übernahmepaket gehören 1,7 Milliarden Euro Barvermögen.

Redaktion:

"Schwedische Spuren im Kohlerevier": Simone Wendler
Zeitstrahl: Bodo Baumert

Bilder:

Patrick Pleul (dpa), Mario Behnke, Michael Helbig, Federico Gambarini, Simone Wendler, Matthias Hiekel, Peter Aswendt, Arno Burgi

Gestaltung

Marcus Scheib